Warum ich Berater geworden bin und nicht in ein Unternehmen gegangen bin

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Berater bin, kommt irgendwann fast immer dieselbe Frage: „Warum hast du dir nicht einfach einen Job in einem Unternehmen gesucht?“

Die ehrliche Antwort ist: Weil mich Abwechslung, Lernen und neue Herausforderungen mehr reizen als eine klar definierte Rolle in einer einzigen Organisation.

Das hat aber nicht nur mit meiner Persönlichkeit zu tun. Es hat auch damit zu tun, wie sich die Arbeitswelt gerade verändert.

Die Welt wird spezialisierter

Ich komme aus der Welt der Pressure Sensitive Adhesives (PSA), also der druckempfindlichen Klebstoffe. Von außen wirkt die Branche vielleicht überschaubar, aber wer tiefer eintaucht, merkt schnell, wie komplex sie ist.

Heute geht es um nachhaltige Materialien, morgen um neue Beschichtungstechnologien, neue regulatorische Anforderungen oder Anwendungen in Bereichen wie Automotive, Medical oder Elektronik. Gleichzeitig müssen Unternehmen Innovationen vorantreiben, Produktionskosten optimieren und auf immer kürzere Marktzyklen reagieren.

Die Anforderungen an Unternehmen wachsen ständig. Und damit wächst auch die Nachfrage nach Spezialisten.

Experten einzustellen ist einfach. Sie richtig einzusetzen nicht.

Früher war die Logik relativ einfach: Ein Unternehmen brauchte Expertise, also stellte es Experten ein.

Heute ist das deutlich schwieriger.

Denn die Herausforderung besteht nicht darin, einen Experten zu finden. Die Herausforderung besteht darin, ihn dauerhaft sinnvoll einzusetzen.

Ein Spezialist bringt den größten Mehrwert, wenn er an Themen arbeitet, die wirklich zu seiner Erfahrung und Expertise passen. Wenn ein Unternehmen aber nicht kontinuierlich entsprechende Projekte hat, entsteht schnell ein Problem: Der Experte wird mit Aufgaben beschäftigt, die nur teilweise zu seinem eigentlichen Kompetenzprofil passen.

Das ist weder für den Experten noch für das Unternehmen optimal.

Besonders für KMU wird das zur Herausforderung

Gerade kleine und mittelständische Unternehmen stehen hier vor einem Dilemma.

Ein hochqualifizierter Spezialist ist eine erhebliche Investition. Das Gehalt, die Nebenkosten und die langfristige Bindung stellen einen echten finanziellen Aufwand dar.

Wenn dieser Experte jedoch nur zeitweise an Themen arbeitet, die seiner eigentlichen Expertise entsprechen, wird es schwierig, die Investition wirtschaftlich zu rechtfertigen.

Nehmen wir ein mittelständisches Unternehmen in der PSA-Industrie. Vielleicht benötigt es für einige Monate tiefgehendes Know-how zu nachhaltigen Klebstoffsystemen, einer neuen Marktstrategie oder einer technologischen Entwicklung im Bereich Release-Liner.

Aber braucht es diese Expertise auch zwölf Monate im Jahr? Oder sogar fünf Jahre lang?

Oft lautet die Antwort: nein.

Die Aufgabe verschwindet nicht. Der Bedarf an Wissen bleibt. Aber er kommt in Wellen.

Genau deshalb sehen wir immer häufiger, dass Unternehmen Expertise flexibel einkaufen, anstatt jede Spezialkompetenz dauerhaft vorzuhalten.

Ein Trend, der gerade erst beginnt

Diese Entwicklung hat bereits in anderen Unternehmensbereichen begonnen.

Marketing arbeitet seit Jahren mit spezialisierten Agenturen. IT-Projekte werden von externen Experten begleitet. Digitalisierung, Data Analytics und Strategieprojekte werden häufig durch Berater unterstützt.

Das ist heute völlig normal.

Meine persönliche Überzeugung ist, dass wir dieselbe Entwicklung bald verstärkt in klassischen Industrie-Funktionen sehen werden.

Vor allem in:

  • Forschung & Entwicklung
  • Produktmanagement
  • Produktion
  • Technologiemanagement
  • Innovation

Warum?

Weil die technologische Komplexität in diesen Bereichen massiv zunimmt.

Kein mittelständisches Unternehmen kann für jedes Spezialthema einen Weltklasse-Experten fest anstellen und gleichzeitig sicherstellen, dass diese Person dauerhaft mit den passenden Themen beschäftigt ist.

Stattdessen werden Unternehmen zunehmend interne Kernteams aufbauen und diese gezielt mit externen Spezialisten ergänzen, wenn besondere Expertise benötigt wird.

Ich glaube, wir bewegen uns von einer Wirtschaft, die auf dem Besitz von Talenten basiert, hin zu einer Wirtschaft, die auf dem Zugang zu Talenten basiert.

Warum mich das zur Beratung gebracht hat

Genau diese Entwicklung hat mich letztendlich zur Beratung gebracht.

Ich wollte nicht darauf warten, dass spannende Aufgaben zu mir kommen.

Ich wollte dort arbeiten, wo die Herausforderungen entstehen.

Als Berater kann ich heute mit einem PSA-Hersteller über Marktstrategien sprechen, morgen ein Innovationsprojekt begleiten und nächste Woche mit einem Produktionsstandort über Effizienzsteigerungen oder neue Technologien diskutieren.

Jedes Projekt bringt neue Perspektiven.

Jedes Unternehmen hat andere Herausforderungen.

Und jede Zusammenarbeit erweitert meinen Horizont.

Die Lernkurve ist dadurch deutlich steiler, als sie es wahrscheinlich in einer einzigen Organisation wäre.

Und was ist mit der Work-Life-Balance?

Natürlich werde ich oft gefragt, wie sich das auf die Work-Life-Balance auswirkt.

Die kurze Antwort: Es ist anders.

In einer klassischen Festanstellung übernimmt das Unternehmen einen großen Teil der Verantwortung für die Auslastung und Karriereentwicklung.

Als Berater liegt mehr Verantwortung bei einem selbst.

Es gibt intensive Projektphasen. Es gibt aber auch Phasen zum Lernen, Nachdenken und Weiterentwickeln.

Für mich bedeutet Work-Life-Balance deshalb nicht unbedingt, jeden Tag zur gleichen Zeit Feierabend zu machen.

Sie bedeutet vielmehr, die Kontrolle über meine Arbeit, meine Entwicklung und meine Zeit zu haben.

Fazit

Meine Entscheidung für die Beratung war keine Entscheidung gegen Unternehmen.

Im Gegenteil. Ich arbeite jeden Tag mit Unternehmen zusammen und habe großen Respekt vor den Herausforderungen, vor denen insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen stehen.

Es war vielmehr eine Entscheidung für eine Arbeitswelt, die immer spezialisierter, dynamischer und projektorientierter wird.

Und wenn ich auf die PSA-Industrie und viele andere Branchen schaue, habe ich das Gefühl, dass wir erst am Anfang dieser Entwicklung stehen.

Die erfolgreichsten Unternehmen der Zukunft werden nicht diejenigen sein, die jede Expertise selbst besitzen. Sie werden diejenigen sein, die die richtigen Experten zur richtigen Zeit für die richtigen Herausforderungen zusammenbringen.

Genau deshalb bin ich Berater geworden.

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